Mit dem Verschwinden von Offenbarungswissen kommt es zu Säkularisierung (Verweltlichung) als Basis zur Begründung von Wissen. Es entwickeln sich zwei erkenntnishteoretische Hauptströmungen, nämlich vornehmlich im angelsächsischen Bereich der Empirismus, sowie auf dem Kontinent (insbesondere Frankreich) der Rationalismus.
Wahrheit
ist ein metaphysischer Begriff.
Um von Wahrheit sprechen zu können, müssen drei Voraussetzungen
erfüllt sein:
1. Der Sachverhalt, der als wahr klassifiziert wird, darf nicht empirisch sein.
Bei den Begriffen "Stuhl" oder "Waschmaschine" stellt sich die Frage nach der
Wahrheit nicht.
2. Die Sprache muß eindeutig sein. Das wiederum setzt voraus, daß
die Sprachelemente im vornherein eindeutig definiert sind.
3. Ein Problembezug muß vorliegen, d.h. Theorie muß sich auf
Probleme, nicht Sachen, beziehen.
Wahrheit im Sinne der analytischen Wissenschaftsheorie bedeutet nicht
Letztbegründung, nicht endgültige Wahrheit.
Die Korrespondenztheorie der Wahrheit gibt eine äußerst einfach
Antwort auf die Frage, wann eine Aussage die Eigenschaft habe, wahr zu sein:
Eine Aussage ist genau dann wahr, wenn sie mit den Sachverhalten, auf die sei
sich bezieht, übereinstimmt, wenn sie also mit ihnen
korrespondiert. Eine Meta-Aussage ist eine Aussage über einen
Sachverhalt, der selbst eine Aussage ist, deren Übereinstimmung mit jenem
Sachverhalten festgestellt werden soll.
Die
Vertreter des angelsächsischen Empirismus (John Locke, David Hume)
behaupten, daß man letztlich nur durch Erfahrung, d.h. Sinneswahrnehmung
auf induktivem Wege zu Wissen kommen könnte. Erkenntnis ist nur a
posteriori möglich, also erst, nachdem unverzerrte, reine Erfahrungen
gemacht wurden. Sinneswahrnehmungen durch Beobachtungen und Experimente bilden
die Basis des Wissens. Der klassische Empirismus verzichtet also auf
vorformulierte Theorien, er versucht, ohne metaphysische Grundlage die Welt in
Sprache zu überführen und dann zu manipulieren, also Einfluß
auf die Welt zu nehmen.
Unmittelbar mit dem Empirismus ist das Experiment als Methode entwickelt
werden, das universelle Gesetzesaussagen der Art "Wenn a eintrifft, folgt
daraus B" ermöglichen soll.
Die Vertreter des Rationalismus (Decarte, von Leibnitz) sind demgegenüber der Ansicht, daß Wissen über die Welt letztlich durch klares, vernünftiges Denken, also durch reine Spekulation Intellektualismus) gewonnen werden könne. Die Grenzen der Erfahrungswelt könnten gewissermaßen überschritten werden, weil es (vornehmlich in einem metaphysischen Sinne) angeborene Ideen gebe. Erkenntnis sei a priori möglich, also vor jeder Erfahrung. Von den intuitiv erfaßten allgemeinen Wahrheiten, den Prinzipien könne man auf deduktive Weise zu weiteren Erkenntnissen gelangen.
Die
Grundlage des naiven Induktivismus ist die Beobachtung. Konventionelle, naive
Induktivisten gehen von drei Annahmen aus.
Die erste Annahme der Induktivisten ist es, daß Beobachtung
sicherere Grundlage für den Aufbau wissenschaftlicher Erkenntnis ist.
Beobachtung wird nicht im Sinne von "Hinsehen" verstanden, Beobachtung im Sinne
der Induktivisten impliziert, daß keine vorgefaßten Meinungen,
Theorien, keine Stereotypen Einfluß finden. Beobachtung soll theoriefrei
sein. Induktivismus richtet sich also gegen vorgefaßte Theorien.
Die zweite Annahme der Induktivisten besagt, daß wissenschaftliche
Erkenntnis aus den Beobachtungsaussagen induktiv abgeleitet wird.
Die dritte. Annahme der Induktivisten legt fest, daß keine
Beobachtungsaussage im Widerspruch zu dem entsprechenden Gesetz stehen darf.
Das Prinzip des Induktivismus ist es, von wenigen beobachteten
Fällen auf viele zu schließen. Das Induktionsprinzip für den
naiven, konventionellen Induktivismus läßt sich folgendermaßen
definieren: Wenn eine große Anzahl A's unter einer großen Vielfalt
von Bedingungen beobachtet wird, und wenn alle diese beobachteten A's ohne
Ausnahme die Eigenschaft B' besitzen, dann besitzen alle A's die Eigenschaft B.
Als induktives Schließen bezeichnet man also, wenn man aus einer
begrenzten Anzahl von Einzelaussagen zu einer allgemeinen Aussage kommt.
Das
Induktionsprinzip kann nicht mit Hilfe der Logik begründet werden,
es ist nicht logisch, sondern psychologisch. Induktive Aussagen sind keine
logisch gültigen Beweise, bei n Beobachtungen gibt es keinen logischen
Beweis, daß die (n+1)-et Beobachtung nicht völlig anders ist und der
Induktionsschluß somit sachlich falsch ist.
Die Induktionsstatistik weiß nichts über die Grundgesamtheit,
versucht aber, auf sie zu schließen, was nicht funktionieren kann: Der
Schluß von endlich auf unendlich ist nicht möglich.
Induktivisten behaupten, daß die induktivistische Beweisführung bei
vielen Beispielen, z.B. in der Optik, erfolgreich angewendet wurde. Sie
behaupten:
Das Induktionsprinzip war erfolgreich bei der Gelegenheit x1
Das Induktionsprinzip war erfolgreich bei der Gelegenheit x2
Das Induktionsprinzip ist immer erfolgreich
Dieser Beweis an sich aber ist induktiv und kann nicht angewendet werden, um
das Induktionsprinzip zu rechtfertigen. Induktivismus, der bewiesen werden
soll, wird vorausgesetzt. Dieses Problem heißt Induktionsproblem.
Der
Induktivist hat in Bezug auf die Annahme der "theoriefreien Beobachtung" in
zweierlei Hinsicht unrecht:
1. Wissenschaft beginnt nicht mit Beobachtungsaussagen, weil ihnen allen
irgendeine Theorie vorausgeht. Es existiert keine Theoriefreiheit, jede
Beobachtung beruht auf Umwandlung psychologischer Wahrnehmungsprozesse, Denken
spielt eine zentrale Rolle in vorbewußten Teil der Wahrnehmung. Die
Theorie geht der wissenschaftlichen Wahrnehmung voraus, Beobachtung und
Experimente werden ausgeführt, um eine Theorie zu überprüfen.
2. Beobachtungsaussagen bilden, da sie fehlbar sind, keine sichere Grundlage,
auf der wissenschaftliche Erkenntnis aufgebaut werden kann
Die Induktivisten schreiben den Beobachtungsaussagen also einen falschen
Stellenwert zu.
1.
"skeptischer Ansatz": Wir nehmen an, daß Wissenschaft auf Induktion
beruht und Induktion nicht logisch erschlossen werden kann. Wissenschaft ist
insgesamt nicht rational zu rechtfertigen, der Glaube an Gesetze und Theorien
ist nichts weiter als pure Gewohnheit, die durch die Wiederholungen
entsprechender Beobachtungen entstehen.
2. das Induktionsprinzip wird als unmittelbar einleuchtend, als
selbstverständlich betrachtet.
Induktion als Grundlage der Wissenschaft wird in Abrede gestellt, es wird
nachgewiesen, daß wissenschaftliche Induktion nicht notwendig ist (macht
z.B. Karl Popper)
Der
Falsifikationismus geht davon aus, daß Beobachtung theoriegeleitet
ist und Theorie voraussetzt. Er verzichtet auf den Anspruch, daß
Theorien auf der Basis von Beobachtung als wahr oder wahrscheinlich wahr
betrachtet werden können, so überwindet er die Probleme des
Deduktivismus.
Nicht die Wahrheit von Theorien werden beweisen, sondern die Falschheit.
Theorien können als falsch nachgewiesen werden, wenn entsprechende
Befunde aus Beobachtung und Experiment vorliegen: die Falschheit von
allgemeinen Aussagen kann von entsprechenden Einzelaussagen abgeleitet werden.
Jede wissenschaftliche Hypothese muß falsifizierbar sein.
Theorien sind spekulative und vorläufige Vermutungen, die der
Mensch bei dem kühnen Versuch entwirf, Probleme, die vorangegangene
Theorien aufgeworfen haben, zu überwinden und um eine adäquate
Erklärung des Verhaltens einiger Aspekte der Welt oder des Universums zu
erhalten.
Spekulative Theorien müssen rigoros und nach strengen Kriterien durch
Beobachtung und Experiment überprüft werden.
Eine
Theorie wird mit zunehmender Falsifizierbarkeit besser, da die Ansprüche
umfassender werden. Eine sehr gute Theorie ist eine Theorie, die sehr
umfassende Aussagen über die Welt macht, die folglich in hohem Maße
falsifizierbar ist und die stets einer Falsifizierbarkeit standhält.
Hohe falsifizierbare Theorien sollten weniger falsifizierbaren vorgezogen
werden, vorausgesetzt, sie werden nicht tatsächlich falsifiziert.
Theorien, die falsifiziert werden, müssen grundsätzlich
zurückgewiesen werden. Wissenschaft besteht darin, hoch falsifizierbare
Hypothesen vorzuschlagen, sowie hartnäckig und ganz bewußt zu
versuchen, sie zu falsifizieren. Theorien müssen eindeutig und
präzise formuliert sein, um sie dem Risiko der Falsifizierbarkeit
unterwerfen zu können.
Wissenschaft
macht Fortschritte durch Versuch und Irrtum, durch Vermutungen und
Widerlegungen. Nur die besten Theorien überleben. Falsifikationisten
verstehen unter dem Fortschritt der Wissenschaft den Kreislauf von der
Erstellung von falsifizierbaren Hypothesen à Überprüfung
à bei erfolgter Falsifizierung ist ein neues Problem aufgetaucht, das
bereits ein Stück weiter vom Ausgangsproblem entfernt ist à neue
Hypothesen müssen wg. des neuen Problems aufgestellt werden à neue
kritische Überprüfung usw.
Für den Falsifikationisten besteht wissenschaftliche Tätigkeit also
aus dem Versuch, Theorien zu falsifizieren, in dem das Zutreffen von
Beobachtungsaussagen nachgewiesen wird, die mit den Theorien unvereinbar
sind.
Man kann niemals von einer Theorie behaupten, daß sie wahr ist, wie gut
sie auch rigoroser Überprüfung standgehalten hat, aber es kann
hoffentlich gesagt werden, daß eine gegenwärtige Theorie der
vorangegangenen in dem Sinne überlegen ist, daß sie den
Überprüfungen standhalten kann, durch die vorherigen falsifiziert
werden.
Ad
hoc-Modifikationen sind Modifikationen einer Theorie, wie das Hinzufügen
einer zusätzlichen Annahme oder eine Veränderung irgendeiner
bestehenden Annahme, die keine weiteren überprüfbaren Konsequenzen
hat als die nicht modfizierte Theorie.
Falsifikationen schließen Ad-hoc-Modifikationen aus, weil Fortschritt in
den Augen der Falsifikationisten ein Mehr an Informationen, eine umfassendere
Theorie, voraussetzt. Ad-Modifikationen schränken die Theorie aber ein.
Ad-hoc-Modifikationen führen zu keinen neuen Überprüfungen.
Fortschritt im Sinne der Falsifikationisten bedeutet, daß auch kühne Vermutungen vorgeschlagen werden können, die in hohem Maße falsifizierbar sind, gefolgt von rigorosen Versuche, die neuen Vorschläge zu falsifizieren. Ad-hoc-Hypothesen sollen verworfen werden.
Eine
Vermutung ist kühn, wenn dasjenige, was sie behauptet, angesichts des
Hintergrundwissens dieser Zeit unwahrscheinlich ist.
Die Bewährung einer kühnen Vermutung hat die Falsifikation eines
Teils des Hintergrundwissens zur Folge, hinsichtlich dessen die Vermutung
kühn war.
Der
naive Falsifikationismus ist unhaltbar, er beruht auf zwei falschen
Annahmen:
Die erste Annahme lautet, daß es eine natürliche,
psychologische Grenze zwischen theoretischen, spekulativen Sätzen auf der
einen Seite und empirischen oder Beobachtungssätzen (oder
Basissätzen) auf der anderen Seite gibt. Diese Annahme ist falsch, es gibt
und kann keine Wahrnehmung geben, die nicht von Erwartungen durchsetzt ist, und
deshalb gibt es auch keine natürliche (d.h. psychologische) Abgrenzung
zwischen Beobachtungssätzen und theoretischen Sätzen".
Die zweite Annahme besagt, daß ein Satz, der das psychologische
Kriterium der Faktizität oder des Beobachtungcharakters (Basischarakters)
befriedigt, auch wahr ist, man kann sagen, daß er durch Tatsachen
bewiesen wurde. Aber: Keine Tatsachenaussage kann jemals auf Grund eines
Experiments bewiesen werden, Sätze lassen sich nur aus anderen Sätzen
herleiten, aus Tatsachen und Erfahrungen folgen sie nicht. Da Tatsachenaussagen
unbeweisbar sind, sind sie auch fehlbar. Alle Sätze der Wissenschaft sind
theoretisch und fallibel."
Die
Frage "Wann ist es rational, einen wissenschaftlichen Satz zu akzeptieren" ist
die Zentralfrage der Begründungsphilosophie, und ihrer Unterabteilung der
positivistischen Methodologie.
Aber auch der klassische Falsifikationismus schlägt vor, Theorien aufgrund
unumstößlicher empirischer Daten zu prüfen, was logisch
problemlos zu sein scheint. Nur, wenn wahre Beboachtungsaussagen gegeben sind,
dann ist es möglich, die Falschheit von allgemeinen Aussagen logisch
abzuleiten.
Sätze können also durch Erfahrung als wahr festgestellt werden.
Erfahrung beruht aber auf Beobachtung, so daß sich wiederum die Frage
stellt, ob und wie Beobachtungssätze eine sichere Basis bilden
können. Jede Beobachtung ist von fehlbar (Begründung: siehe
Induktivismus). D.h., wenn eine Theorie oder ein Teilaspekt einer Theorie mit
einer Beobachtungsaussage im Widerspruch steht, kann folgerichtig auch die
Beobachtungsaussage falsch sein.
Wie also kann man den Einsatz von Beobachtungssätzen rechtfertigen? Die
Antwort der Begründungsphilsophen lautet, daß man annimmt, daß
es gewisse Arten von Beobachtungssätzen gibt, deren Wahrheit mit
Gewißheit erkannt werden kann. Basissätze werden also durch
Konvention der scientific communitic festgelegt.
Dagegen spricht, daß Wahrnehmungserlebnisse sprachlich formuliert werden
müssen, damit sie für die Wissenschaft verwendbar und intersubjektiv
kritisierbar sind. Sprache bringt aber bereits einen begrifflichen Rahmen mit
sich. Und: Wenn die Theorien, die notwendig sind, um die (verbalisierten
Beobachtungen gleich) Meßinstrumente konstruieren zu können,
fallibel sind, dann müssen auch die Datensätze fallibel sein.
Die Begründungsphilosophen argumentieren dagegen, daß die
Beobachtungssätze in einer vortheoretischen Sprache abgefaßt sind
und sind somit von Theorien unabhängig. Dieses Argument ist wiederum nicht
überzeugend, denn es gibt keine singulären Sätze, die von der
Beeinflussung durch theoretische Annahmen völlig frei.
Um dieses Problem zu umgehen, haben die kritischen Rationalisten den
klassischen oder "naiven" Falsifikationismus zu einem methodologischen
Falliblismus/Falsifikationismus weiterentwickelt: Theorien werden immer unter
expliziter oder impliziter Zuhilfenahme von Hintergrundtheorien
überprüft, die erst die Formulierung von Basissätzen
ermöglichen und deren Relevanz festlegen.
Basissätze werden nicht aus reinen Fakten, sondern durch
theoriegeprägte Wahrnehmungen von Fakten gebildet.
Wie die Abbildung zeigt, wird die zwischen der Realität und einem
Basissatz bestehende Beziehung von (psychologischen) Wahrnehmungstheorien
beeinflußt. Die Beziehung zwischen einer Aussage der Theorie und dem
Basissatz wird demgegenüber von Beobachtungstheorien (Meßtheorien)
bestimmt. In diesem Überprüfungsmodell trifft die Theorie nicht mehr
auf die ungefilterte Realität, sondern auf andere fehlbare Theorien.
Tritt allerdings nun eine Kritik in Widerspruch zu einem bestimmten Basissatz,
stehen mehrere Möglichkeiten zur Verfügung, diese Inkonsistenz zu
beseitigen. Man kann entweder den Basissatz (d.h. die Wahrnehmungstheorie), die
Beobachtungstheorie, aber auch die empirische Theorie als falsch verwerfen. Was
letztlich als "falsifiziert" betrachtet wird, liegt im Ermessen des Forschers.
Diese Entscheidung soll rational begründbar und fortschrittsfördernd
sein.
Der
raffinierte Falsifikationismus unterscheidet sich vom naiven Falsifikationismus
durch seine Regeln des Akzeptierens (oder das "Abgrenzungskriterium") und seine
Regeln des Falsifizierens oder Eliminierens.
Der raffinierte Falsifikationist sieht die Unzulänglichkeit dieses
Vorgehens und erkennt an, daß sowohl das Bestätigen von
spekulativen, neuen Theorien, als auch das Falsifizieren von bewährten
Theorien eine entscheidende Rolle spielt
Im Gegensatz zum naiven Falsifikationismus kann kein Experiment, keine
Beobachtung, keine wohlbestätigte falsifizierende Hypothese niederer Stufe
für sich allein zu einer Falsifikation führen. Es gibt keine
Falsifikation vor dem Auftauchen einer besseren Theorie.
Raffinierte Falsifikationisten legen den Schwerpunkt auf den Vergleich von
aufeinanderfolgenden Theorien. Anstatt zu fragen: "Ist diese Theorie
falsifizierbar" oder "Wie falsifizierbar ist dies Theorie" oder "Ist diese
Theorie falsifiziert worden" wird gefragt "Ist die neu vorgeschlagene Theorie
ein tragfähiger Ersatz für die Theorie, die sie anficht".
Die Falsifikation bekommt einen historischen Charakter, da nicht mehr die
Theorie mit der empirischen Basis, sondern vielstellige Relationen zwischen
konkurrierenden Theorien, der ursprünglichen "empirischen Basis" und dem
empirischen Wachstum, zu dem der Wettstreit der Theorien führt.
Naive Falsifikationisten verstanden unter Falsifikation "bewährte
Gegenevidenz". Raffinierte Falsifikationisten gehen davon aus, daß eine
Theorie trotz hunderter Anomalien nicht falsifiziert wurde, solange sie nicht
durch eine "bessere" Theorie ersetzt wurde.
Naive Falsifikationisten haben das Problem, daß es sehr schwierig ist,
den Falsifizierbargrad einer Theorie zu bestimmen und nachzuweisen. Die Anzahl
der Falsifikationsmöglichkeiten ist stets unendlich. Andererseits ist es
häufig möglich, den Falsifizierbarkeitsgrad von Gesetzen oder
Theorien miteinander zu vergleichen.
Das
Scheitern der klassischen Theoriebegründung im Induktivismus (vgl.
Induktionsproblem, Basissatzproblem) führt von dem mehr oder minder
erfolglosen Versuch, Theorien zu beweisen, zur Theorienkonkurrenz. Man
akzeptiert die prinzipielle Fallibilität von Wissen und setzt damit der
Idee der Falschheit der Idee der Wahrheit voraus. Die Forderung nach
Gewißheit von Wissen wird so aufgegeben: In der Methodologie geht es
nicht mehr um Begründung, sondern um Präferenzen.
Der präferenzialistischen Methodologie geht es darum, Regeln für die
rationale Präferenz fallibler Theorien anzugeben. Um die Frage zu
klären, wann eine Theorie einer anderen, konkurrierenden Theorie
überlegen und daher vorzuziehen ist, entwickelt Radnitzky Pre- und
Post-Test-Kriterien.
Ausgangspunkt jeder Theorienkonkurrenz sind n Theorien, die sich mit bei
unterschiedlichen Ausgangsstellungen mit dem gleichen Problemkomplex
beschäftigen (Überschneidung von Fragekomplexen). Ziel ist es
festzustellen, welche Theorie der Wahrheit am nächsten kommt.
Die zur Theorienkonkurrenz verwendeten Kriterien lassen sich in drei
Blöcke differenzieren. Der erste Block enthält unter Bezugnahme auf
Popper die Abgrenzungskriterien zwischen wissenschaftlichen Theorien und
Alltagstheorien, die sogenannten Demarkationskriterien. Wissenschaftliche
Theorien zeichnen sich dadurch aus, daß sie falsifizierbar sind, nicht
tautologisch und auch keine metaphysischen Aussagen enthalten. Sprich: Jede
wissenschaftliche Theorie muß falsifizierbar sein, es muß
möglich sein, eine der Aussage widersprechende Aussage zu formulieren.
Der zweite Kriterienblock umfaßt die Pre-Test-Kriterien:
Pre-Test-Kriterien ermöglichen den Gehaltsvergleich von Theorien. Mit
ihrer Hilfe ist es möglich, bereits im Vorfeld der empirischen
Prüfung Theorien "auszusortieren". Fortschritt besteht in der
fallibilistisch-kritizistisch-präferenzialistischen Methodologie im
Erkenntnisfortschritt, d.h. mit Hilfe der Pre-Test-Kriterien muß man den
Erkenntnisfortschritt von Theorien "messen" können.
Gemessen wird der Erkenntnisfortschritt mit Hilfe des Kriteriums
"Darstellungsleistung", also der Fähigkeit einer Theorie, verstanden zu
werden. Die beiden Indikatoren für die Darstellungsleistung sind der
"empirischer Gehalt" und der "Informationsgehalt".
Der Informationsgehalt bezieht sich auf die Tiefe von Aussagen, die aus
der Theorie abgeleitet werden können.
Nach Popper ist der empirische Gehalt die Informationsmenge der
potentiellen Falsifikatoren der Theorie, d.h. derjenigen Sätze, die
Sachverhalte beschreiben, die von der Theorie als empirisch unmöglich
deklariert werden. Je mehr Sachverhalte ausgeschlossen sind, also
unmöglich sind, nicht vorkommen dürfen, desto "besser" ist die
Theorie. Anders ausgedrückt: je universeller die Aussage formuliert ist,
desto leichter ist es, die Aussage zu widerlegen.
Der dritte Block enthält die Post-Test-Kriterien. Diese
ermöglichen den Theorienvergleich durch empirische Prüfung. Sie
machen den Vergleich von Aussagen über Daten möglich. Die empirische
Prüfung einer Theorie besteht in der Konfrontation der Theorie mit der
Wirklichkeit durch den Vergleich von Datensätzen. Zu den
Post-Test-Kriterien gehört die Erklärungsleistung, die
Prognoseleistung sowie die Bewährung (à colloberation) einer
Theorie. Bewährung heißt in dem Zusammenhang, daß man von
unabhängigen Theorien ausgehend zu gleichen Ergebnissen gelangt. Die
Bewährung findet also durch Korrespondenz und Stützung mit anderen
Theorien statt.
Radnitzky verteilt für die Leistungen der Theorie in den einzelnen
Kriterien Plus- und Minuspunkte, Punkte für Erfolg und Mißerfolg.
Damit erweitert er Poppers Verständnis, der nur den Erfolg einer Theorie
honorierte. Diese Erweiterung begründet Radnitzky zum einen damit,
daß Falsifikation selbst fallibel ist und damit eine Theorie nie sicher
falsifiziert werden kann. Unter Umständen ist eine Theorie im
entscheidenden Punkt, im Kern zutreffend, obwohl sie strenggenommen als
falsifiziert betrachtet werden müßte (beispielsweise wurde Einsteins
Relativitätstheorie durch die Millerschen Experimente streng betrachtet
falsifiziert, erst 25 Jahre später entdeckte man, daß Millers
experimentelle Resultate falsch waren, daß sein Falsifikationsargument in
der Randbeschreibung Fehler enthielt). Das zweite Argument für die
Verteilung von Plus- und Minuspunkten ist, daß eine Theorie auch
für die erbrachte Erklärungsleistung honoriert werden sollte: Popper
bewertet - nach Ansicht von Radnitzky etwas einseitig - die Prognoseleistung,
nicht aber die Erklärungsleistung.
Imre
Lakatos umgeht mit seinem Konzept des Forschungsprogramms die Schwierigkeit von
Popper, daß Theorien nach einem einzigen Mißerfolg falsifiziert,
verworfen werden. Er erweitert und dynamisert die Präferenzregeln von
Radnitzky und stellt die Entwicklung von Theorien (u.a. durch die
Tätigkeit des/der Forscher) in den Mittelpunkt. Das Lakatossche
Forschungsprogramm wird zur "Evolutionstheorie des Wissens".
Lakatos bietet mit seinem Forschungsprogrammkonzept eine (psychologische)
Strategie, die die Verteidigung der eigenen Theorie immer und auch immer
logisch ermöglicht, die es dem Forscher ermöglicht, mit dem Scheitern
seiner eigenen Theorie umzugehen.
Forschungsprogramm
Ein Forschungsprogramm ist nach Lakatos eine Struktur, die sowohl auf positive,
als auch auf negative Art und Weise einen Leitfaden für zukünftige
Forschung bietet. Ziel ist es, die Richtigkeit der Kerntheorie zu beweisen.
Das Forschungsprogramm hat folgende Struktur
Die negative Heuristik enthält die Bedingung, daß die
Grundannahmen, die dem Programm zugrunde liegen, ihr harter Kern, weder
verworfen, noch verändert werden dürfen.
Der harte Kern besteht also aus einigen, sehr allgemeinen theoretischen
Hypothesen, die die Grundlage bilden, von der aus das Programm entwickelt
werden muß (Bsp.: Kopernikus: Annahme, daß die Erde und die
Planeten um die feststehende Sonne kreisen, die Erde dreht sich in einem Tag
einmal um ihre eigene Achse).
Der harte Kern wird "aufgrund der methodologischen Entscheidung seiner
Protagonisten" (Lakatos) unfalsifizierbar gemacht. Jeder Wissenschaftler, der
den harten Kern verändert, schließt sich selber aus diesem
bestimmten Forschungsprogramm aus.
Dieser harte Kern wird gegen die Falsifikation durch einen Schutzgürtel
aus Hilfshypothesen, Anfangsbedingungen etc. geschützt: Die positive
Heuristik enthält grobe Richtlinien, die angeben, wie das
Forschungsprgramm weiterentwickelt werden könnte. Positive Heuristik
besteht also aus einer partiell artikulierten Reihe von Vorschlägen oder
Hinweisen, wie man die "widerlegbaren Fassungen" des Forschungsprogramms
verändern und entwickeln soll und wie der "widerlegbare" Schutzgürtel
modifiziert und raffinierter gestaltet werden soll
In der positive Heuristik sind die "biegsamen, metaphysischen" Prinzipen
festgehalten, sie beschäftigt sich nicht mit Anomalien, also der
Theorie entgegenstehende Theorien.
Die positive Heuristik weist darauf hin, wie der harte Kern ergänzt werden
muß, damit er imstande ist, reale Phänomene zu erklären und
vorherzusagen (Erweiterung durch Hilfshypothesen und experimentelle
Programme).
Der Schutzgürtel besteht nicht nur aus expliziten Hilfshypothesen, die den
harten Kern ergänzen, sondern auch aus Annahmen, die der Beschreibung der
Anfangsbedingungen und ebenso den Beobachtungsaussagen zugrunde liegen.
Jeder
Schritt, der den Schutzgürtel verändert, ist zulässig, solange
er nicht ad hoc ist. Veränderungen und Ergänzungen eines
Schutzgürtels müssen nämlich überprüfbar sein, was
ad-hoc Hypothesen nicht sind.
D.h. Ad-Hoc-Hypothesen sind verboten und Veränderungen des harten
Kerns.
Erfolgreiche
Forschungsprogramme führen nun zu einer progressiven Problemverschiebung,
Ein progressives Forschungsprogramm zeichnet aus, daß es zur
Entdeckung neuartiger Phänomene beigetragen hat. Jeder Schritt eines
progessiven Forschungsprogrammes muß im Sinne Lakatos konsequent
gehaltvermehrend sein.
Degenerative Forschungsprogramme tragen demgegenüber nicht zur
Entdeckung neuer Phänomene bei.
Ein wissenschaftliches Forschungsprogramm zeichnet sich neben der Entdeckung
neuer Phänomene noch durch eine zweite Eigenschaft aus: Es muß
außerdem ein gewisses Maß an Kohärenz besitzen, das die
Ausarbeitung eines bestimmten Programms für zukünftige Forschung mit
sich bringt.
Ein Problem innerhalb des Lakatosschen Ansatzes ist, daß man letztlich
niemals definitiv und uneingeschränkt behaupten kann, daß ein
Forschungsprogramm besser ist als ein anderes, weil Lakatos die Variable Zeit
ins Spiel bringt. Es ist für ein Forschungsprogramm immer möglich,
aus einer degenerativen Phase ein Comeback zu starten.
Ein Comeback ist die Formulierung der n+kten gehaltsvermehrenden Fassung und
die Verifikation eines Teils von diesem neuen Gehalt. Man kann über den
jeweiligen Wert zweier Programme, wenn überhaupt, fast immer erst aus der
Retrospektive entscheiden.