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Helmut Kromrey: Empirische Sozialforschung: 9. Kapitel Typen und Konzepte empirischer Sozialforschung

Der bisher behandelte Typ empirischer Sozialforschung wird als "survey research" bezeichnet.
Alternative Konzepte unterscheiden sich nach:
- Ausrichtung und Ausgestaltung des Untersuchungsdesigns
- Kombination von methodischen Ansätzen
- Modelle
- Instrumente
- Forschungsziele
- ...

9.1 Spezielelle Untersuchungsanordnungen

Feldforschung
Ziel: soziale Prozesse und Strukturen aus der sozialen Realität sollen erfasst und analysiert werden

  • Daten werden über und in der "natürlichen" Umwelt erhoben
  • eine Kontrolle über die zu manipulierenden Variablen ist entweder nicht oder nur in beschränktem Umfang möglich
Feldexperiment:
Hypothesen/Theorien werden über kausale Beziehungen zwischen zwei oder mehr Variablen durch kontrollierende Eingriffe in natürliche soziale Situationen oder Prozesse überprüft (zentrale Variablen variieren, die Effekte zwischen abhängigen und unabhängig definierten Variablen erfaßt und quantifiziert) hä?
Ziel: Die Logik des klassischen Experiments soll auf Untersuchungsanordnungen im sozialen Feld übertragen werden.
Exkurs: Das klassische Experiment S.419/420
Kausalanlyse: Aufdeckung und Quantifizierung theoretisch unterstellter Ursache-Wirkung-Beziehungen
Mehrebenenanalyse Merkmale werden in Beziehung gesetzt, die auf unterschiedlichen sozialen Ebenen liegen, anders ausgedrückt:
es werden Objekte verschiedener Ordnung gleichzeitig zum Gegenstand der Untersuchung gemacht (Beispiel: Einzelperson und Wohnumfeld).
Problem: wie kann man Fehlschlüsse vermeiden?
Fehlschluß:
individualistischer Fehlschluß: von Daten über Individuen wird auf Merkmale von Kollektiven oder ökologischen Einheiten geschlossen
ökologischer Fehlschluß: man schließt von Kollektivmerkmalen auf Eigenschaften von Merkmalen, die zu diesen Kollektiven gehören
quasi-experimentelle Untersuchungsanordnung:
Laborexperimente: man versucht, die Untersuchungsbedingungen eines "echten Experiments" zu simulieren, d.h. alle unabhängigen Variablen zu kontrollen. Die Resultate des Laborexperiments sind intern optimal, da die methodischen Vorkehrungen optimiert werden können (interne Validität).Da dabei stark vereinfacht werden muß, ist die Gültigkeit für reale soziale Situationen eher gering (externe Validität)
Eine Untersuchung, die sich am Laborexperiment orientiert aber den methodischen Standard eines "echten" Experiments nicht völlig erfüllen kann, heißt quasi-experimentell oder Quasi-Experiment.
Reaktivität: Beeinflussung der Meßergebnisse durch Merkmale der Untersuchungssituation, speziell durch den Meßvorgang selbst.
Nicht-reaktive Meßmethoden:
- benutzen "physische" Spuren alltäglicher Handlungsabläufe als Indikatoren für diese Handlungen (z.B. Dokumente, Verwaltungsakten) -> Betroffenen sollen nicht merken, daß sie erforscht werden
- Forscher vermeidet direkten Kontakt mit Personen, die erforscht werden sollen
- Forscher übernimmt natürliche soziale Rolle in der Untersuchung
Folgen:
a) keine Reaktivitätsprozesse
b) man kann aus dem Bezugsrahmen interpretieren
Fallstudie: Ein Gegenstandsbereich der sozialen Realität soll deskriptiv aufgearbeitet werden, um im Anschluß daran empirisch begründbare theoretische Konzepte, Theorien, Hypothesen entwickeln zu können
- finden Verwendung in
  • Kulturanthropologie
  • Ethnomethodologie
  • qualitative Sozialforschung
Mehrmethodenansatz: parallele Annährung an das gleiche Forschungsproblem auf der Basis verschiedener Ansätze (d.h. nicht nur ein Instrument, ein Ansatz)
(amerikanisch: Triangulation)
Replikationsstudien:
    a) eine Untersuchung wird unter Beibehaltung des gesamten Design-Ansatzes zu einem späteren Zeitpunkt oder in einem anderen Kontext wiederholt (Identität der Methoden bei veränderter Grundgesamtheit)
    b) eine Untersuchung wird bei bewußter Variation einiger ihrer Elemente (z.B. Einsatz eines anderen oder modifizierten Meßinstruments) in der gleichen Grundgesamtheit wiederholt (-> Quasi-Experiment)
  • Replikationenen können auch als Vorstufe zur Generalisierung von Hypothesen genutzt werden.
Test-Reset-Verfahren: alle (Meß-)Bedingungen einschließlich der Erhebungssituation sollen reproduziert werden
Panel-Studien (Längsschnitt-Studien): genau definierte Personengruppen werden in zumeist regelmäßigen Zeitabständen mit denselben Meßinstrumenten hinsichtlich der gleichen Problemstellung untersucht
Sekundäranalysen: statistische Auswertung von schon vorliegendem Datenmaterial
Vorteile:
  • Daten müssen nicht erst erhoben werden:
  • billig,
  • zeitsparend
  • neue Aspekte/Randfragen können untersucht werden, die bisher nicht analysiert wurden (am vorliegenden Datenmaterial)
Nachteile:
  • der Forscher muß eine exakte Beschreibung der methodischen Anlage der Datenerhebung haben, damit er die Brauchbarkeit der Forschung für seine Sekundäranalyse überprüfen kann. Diese exakte Beschreibung (z.B. der Interviewbogen) ist oft nicht mehr vorhanden.
  • die Operationalisierung der theoretischen Variablen beschränkt sich auf das vorliegende Datenmaterial

9.2 Alternative Forschungsparadigmen: Quantitative Sozialforschung und Aktionsforschung

Kromreys Buch orientiert sich an der analytisch-nomologischen Wissenschaftstheorie ("traditionelle Sozialforschung")
Qualitative Sozialforschung

  • die subjektive Perspektive des Beforschten erhält einen entscheidenden Stellenwert
  • entstanden aus dem symbolischen Interaktionismus
  • Ansätze: grounded theory (Glaser/Strauss 1967) - Objektive Hermeneutik (Oevermann)
Aktionsforschung (action research) oder Handlungsforschung
Kritikpunkte an der quantitativen, traditionellen Sozialwissenschaft:
    a) Fragestellung wird sehr eingeschränkt
    b) viele unkontrollierbare Faktoren spielen eine Rolle, die nie in ihrer Ganzheit beachtet werden können
    c) wenig Bezug von Praxis zur Forschung und umgekehrt
    d) die forschungspraktischen Regeln und die Wissenschaftstheorie stimmen nicht überein
    e) die subjektive Komponent des Forschungsgegenstandes, der sozial ist, wird unberücksichtigt. Man kann nicht mit naturwissenschaftlichen Methoden an die Analyse gehen
    f) die Standardisierung führt zu einer stark selektierten Auswahl von Ergebnissen
    g) Zuverlässigkeit, Gültigkeit und Repräsentativität sind unbrauchbar für die Sozialforschung
Kritikpunkte sind also zusammengefaßt:
    a) die Forschungsmethodologie
    b) der Interaktionsprozeß zwischen Wissenschaftlern und Beforschten
    c) die Einbindung von Forschungsergebnissen in gesamtgesellschaftliche Strukturen
Kromrey stellt ab S.434 traditionelle Sozialforschung und Aktionsforschung gegenüber.
Eignet sich gut als Einstieg!
Aktionsforschung
  • der Forscher soll sich als Person einbringen
  • aus der Subjekt-Objekt-Relation zwischen Forscher und Beforschten soll eine Subjekt-Subjekt-Relation werden (Forscher lebt z.B. mit den Beforschten)
  • gemeinsamer Lernprozeß soll in Gang gesetzt werden
  • Forschungsergebnis soll zu sozialen Veränderungen führen, die Handlungsmöglichkeiten der Beteiligten sind verändert bzw. erweitert
  • relatives Wahrheitskriterium: dialogische Wahrheit als Ergebnis von Diskussion der am Forschungsprozeß beteiligten. Die dialogische Wahrheit (anstatt Richtigkeit) ist dynamisch, ständig im Wandel begriffen.
  • Gütekriterien:
  • Transparenz (Offenlegung von Funktionen, Zielen und Methoden)
  • Stimmigkeit (Forschungsziele und Methoden müssen miteinander vereinbar sein)
  • Selbstkontrolle des Forschers (er darf das Forschungsergebnis nicht bewußt verzerren)
  • Der Forscher ist bewußt parteisch, er will die soziale Realität von Unterdrückungszusammenhängen befreien.
  • der Forschungsprozeß durchläuft mehrere Zyklen (Informationssammlung ð Diskurs ð Entwurf von Handlungsorientierungen ð praktisches Handeln ð erneutes Sammeln von Informationen (z.B. über den Erfolg des Handeln) ð Diskurs ð evtuell neue Handelsorientierungen usw

Qualitative Sozialforschung

  • die erforschte Realität soll zutreffend gedeutet werden
  • der Forscher soll im direkten Kontakt mit den Handelnden ein Verständnis für ihre Wirklichkeit entwickeln
  • subjektive Denkmuster, Sichtmuster und Deutungsschema werden prinzipiell miterhoben
  • soziale Realität unterliegt einem ständigen Interpretations- und Re-Interpretationsprozeß
  • Prinzip der "Offenheit" und "Kommunikation" sind Normen für Datengewinnung
  • der Forscher benutzt bevorzugt "weiche" Verfahren, die dem Beforschten mehr Raum geben, z.B. Gruppendiskussion, Leitfadengespräche
Grounded theory aproach (Glaser/Strauss)
Problemstellung: Hypothesen sollen nicht getestet, sondern entdeckt werden.
Fragestellung: Wie kann die Komplexität der untersuchten Realität in einer bewußt auf den Erhebungskontext bezogenen "konzeptionell dichten" Diagnose eingefangen werden?
  • extensive Datensammlung (alle Infos berücksichtigen, alle Erhebungsinstrumente)
  • ständige Analyse
  • unmittelbare Rückkopplung der Analyse zur Datensammlung (theoretisches Sampling)
  • Objektive Hermeneutik
  • Rekonstruktion von unterstellten "objektiven gesellschaftlichen Strukturen" durch Interaktionstexte
  • Der Interpret geht den vorliegenden Text Satz für Satz durch und überlegt, was die Äußerung prinzipiell bedeuten könnte. Unwahrscheinliche Lesearten sollen so lange wie möglich verteidigt werden, damit sich die Interpretengruppe nicht vorschnell auf ein Deutungskonzept festlegt.