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Helmut Kromrey: Empirische Sozialforschung: 3. Kapitel Die empirische "Übersetzung" des Forschungsproblems

3.1 Problempräzisierung und Strukturierung des Untersuchungsgegenstandes: dimensionale und semantische Analyse

Exploration des Vorstellungsfelds über den Untersuchungsgegenstand: Formulierung des Problems
Der Wissenschaftler geht unterschiedlich vor, je nach dem Typ der Untersuchung:
a) hypothesentestende Analyse
Hypothese enthält bereits explizite Behauptungen über die Struktur des empirischen Untersuchungsgegenstandes
Auch die Begriffe sind in der Hypothese schon enthalten. Diese Begriffe müssen auf ihre Bedeutung hin analysiert werden.
b) deskriptive Untersuchung
1. empirische Struktur des Realitätsausschnitts wird untersucht
2. Aspekte (=Dimensionen) werden ausgefiltert, die bedeutsam sind
Dieser Arbeitsabschnitt heißt "dimensionale Analyse"
3. "Begriffe" müssen ausgewählt werden, die den Untersuchungsgegenstand abbilden und kommunaktiv vermitteln können
c) empirische Überprüfung einer Theorie
Die zu testenden Hypothesen enthalten bereits eine Konzeptspezifikation, das heißt, Behauptungen über die Struktur des Untersuchungsgegenstandes wurden bereits getroffen.
Bei der hypothesentestenden Forschung muß der Forscher als erstes die verwendeten Begriffe analysieren, d.h. die verwendeten Begriffe mit konkreten Aspekten der Wirklichkeit in Beziehung setzen.
Semantische Analyse: Rekonstruktion der semantischen Regeln der verwendeten Begriffe, "empirische Interpretation" von theoretischen Begriffen.
In beiden Forschungstypen (Diagnose und Hypothesentest) muß die empirische Wirklichkeit mit Begriffen verknüpft werden.
Definition: Aspekte der Realität werden durch sprachliche Zeichen (= Begriffe) ersetzt.
Operationalisierung: Durch Beobachtung, Befragung, Inhaltsanalyse wird entscheidbar, ob der gemeinte Sachverhalt in der Realität vorliegt oder nicht.
Begriffe: Begriffe sind Bestandteil der Sprache, mit denen der Gegenstandsbereich bezeichnet wird.
Deskriptive Analyse -> dimensionale Analyse (welche Teilaspekte will ich untersuchen)
Hypothesentestende Untersuchung -> semantische Analyse der Begriffe (was bedeuten die Begriffe, die in meiner Analyse vorkommen)
Beispiel für dimensionale Analyse von "Lebensqualität"
Lebensqualität setzt sich zusamen aus den Teilaspekten Umweltqualität, Wohnumwelt, Konsummöglichkeiten, Freizeit, Berufssituation etc.
Beispiel für semantische Analyse von "Lebensqualität"
Frage: Was meinen Personen, wenn sie von "Lebensqualität" reden.

3.2 Beispiel einer dimensionalen Analyse: Berufserfolg und Herkunft

3.3. Beispiel einer semantischen Analyse: der theoretische Begriff "Entfremdung"

3.4. Begriffe und Definitionen

Die verwendete Sprache ist in der empirischen Forschung besonders wichtig.
Die Wissenschaftsgebiete sind:
  1. Syntaktik (z.B. Grammatik, Zeichensetzung)
  2. Semantik (Beziehungen zwischen den Zeichen und den Sachverhalten)
  3. Pragmatik (Beziehungen zwischen Zeichen und Menschen, unterschiedlicher Sprachgebrauch etc.)
Damit die Sprache intersubjektiv nachprüfbar ist, muß sie zwei Funktionen optimal erfüllen:
  1. Repräsentanzfunktion: Die Begriffe repräsentieren in eindeutiger Weise die gemeinten Sachverhalte.
  2. Kommunikationsfunktion: die vom Wissenschaftler gewählte Sprache muß von möglichst vielen Menschen richtig verstanden werden.
Begriffe: sind sprachliche Zeichen (Wörter), die nach bestimmten Regeln (semantische Regeln, Bedeutungszuweisungen) mit Phänomenen der Realität oder gedanklichen Vorstellungen verbunden sind.
Die Verbindung zwischen sprachlichen Zeichen und dem Gemeinten kann unter zwei Aspekten erfolgen:
  1. Extension (Begriffsumfang): Menge aller Objekte, die mit dem Begriff bezeichnet werden sollen.
  2. Intension (Begriffsinhalt): Menge aller Merkmale, die den mit einem Begriff bezeichneten Objekten gemeinsam sind.
Begriffe, die sich auf empirische Objekte beziehen, haben empirischen Bezug:
  1. direkt feststellbar: durch Instrumente (Augen, Mikroskop) beobachtbar (Bsp. Eiweißmoleküle)
  2. indirekt: nicht instrumentell feststellbar, Vorhandensein wird über Indikatoren nachgeprüft (Bsp. Geiz äußert sich in Weigerung, Geld auszugeben)
Definition (once again): Verknüpfung zwischen sprachlichen Zeichen nach bestimmten Regeln.

3.4.1. Nominaldefinition I: Voraussetzungen

Nominaldefinition: Festlegung der Bedeutung eines Begriffs (des Definiendums) durch einen oder mehrere bereits bekannte Begriffe (Definiens)
Die Nominaldefinition stellt eine logische Relation zwischen Ausdrücken und Zeichen unserer Sprache dar. Nominaldefinitionen haben keinen empirischen Informationsgehalt.
D.h. ich definiere einen neuen Begriff auf der Grundlage von einem oder mehereren Begriffen, die ich bereits kenne.
Voraussetzung ist: ich kenne einige Begriffe, die undefiniert eine präzise Bedeutung haben (außerlogische Termini).

3.4.2 Begriffe und Begriffsarten: Funktionen, theoretischer und empirischer Bezug von Begriffen

Selektivität von Begriffen: Aus der Fülle von Merkmalen eines Gegenstandsbereichs filtert ein Begriff durch seinen Namen diejenigen heraus, die im gegebenen Zusammenhang als relevant gesehen werden.
Zu jedem Begriff gehört eine Liste mit relativ wenigen Merkmalen, die man zur Entscheidung benötigt, z.B. ob ein Gegenstand ein Tisch ist, oder kein Tisch.
Um diese Liste der relevanten Merkmale zu erstellen, braucht man eine (Alltags-)theorie über den Realitätsausschnitt (z.B. sagt die Theorie, daß die Farbe eines potentiellen Tisches egal ist, um festzustellen, ob es nun ein Tisch ist oder nicht).
Klassifikationsfunktion von Begriffen: Begriffe bilden aus der Vielfalt von Gegenständen Klassen identischer Fälle, die identisch im Hinblick auf eine begrenzte Zahl von Merkmalen sind. (Alle Dinge mit waagerechter Platte und 4 Beinen sind Tische, obwohl es egal ist, ob sie nun grün oder braun sind)
Synthesefunktion von Begriffen: Ereignisse, die prinzipiell auch isoliert betrachtet werden können, werden zu einer Einheit zusammengefaßt und mit einem speziellen Begriff bezeichnet.
Beispiel: Wettbewerb: sportlicher Kampf um den Sieg, wirtschaftlicher Wettbewerb um den Sieg.
Zusammenfassung:
Begriffe: Kategorie von Sachverhalten, Ereignise, Ideen, die unter einem bestimmten Gesichtspunkt als identisch betrachtet und behandelt werden.
Begriffe (nach Kaplan):
  1. direkte Beobachtungstermini (observational terms): werden aufgrund von relativ einfacher und direkter Beobachtung angewendet (Beispiel: Bevölkerung, Alter, Einkauf, Papagei)
  2. indirekte Beobachtungstermini: werden mit Hilfe einer Kombination von Beobachtung und Schlußfolgerung angewendet (Bsp.: Sozialstatus: Indiaktoren= Berufsprestige/Bildung/ Einkommen/materieller Besitz...)
  3. Konstrukte (constructs): werden aufgrund von indirekter Beobachtungen angewendet, definiert aufgrund von Beobachtungen (Beispiel: soziale Mobilität=Ergebnis des Vergleichs des sozialen Status der gleichen Person von verschiedenen Zeitreihen)
  4. Theoretische Begriffe (theoretical terms): Zusammenhänge zwischen einzelnen Variablen (Beispiel: soziales System)

3.4.3. Nominaldefinition II: Eigenschaften

Definition Nominaldefinition: Aussagen über die Gleichheit der extensionalen und intesnionalen Bedeutung zweier oder mehrer Begriffe (Esser/Klenovits/Zehnpfennig).
Nominaldefinition:
Nachteil:

3.4.4 Realdefinitionen

Realdefinition: Beispiel: "Politische Partei":
Nominaldefinition: "Eine politische Partei definiere ich als XXX"
Realdefinition: "Wesentlich für politische Parteien sind die Merkmale XXXX"
Bei einer Nominaldefinition wird eine Gruppierung, die die Merkmale nicht erfüllt, aus der Untersuchung entfernt, bei der Realdefinition muß die (falsche) Definition geändert werden.
Zusammenfassung: Zur intersubjektiven Nachprüfbarkeit eignen sich am besten Nominaldefinitionen. Die semantische Analyse ähnelt Realdefinitionen. Als Ergebnis stehen jedoch Nominaldefinitionen.


© Dorthe Lübbert, dorthe@luebbert.net, April 1999
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