1. Kapitel Empirische Sozialforschung und empirische
Theorie
1.1. Vorbemerkungen zur Situation empirischer Sozialwissenschaft
Die Menschheitsgeschichte durchläuft nach
Auguste Comte ein
Dreistadiengesetz.
a) theologisch-fiktives Stadium
die Menschen deuten die Natur durch die Annahme der Existenz willensbegabter,
die rätselhaften Naturvorgänge von innen her bewirkender Wesen
(Geister, Götter)
b) metaphysisch-abstraktes
Naturerklärung wird durch personenähnliche Wesen ersetzt
(z.B. Substanz, Äther) - Die gesellschaftlichen Führer werden
die Philosophen
c) positiv-reales Stadium
Die Natur wird durch die Aufdeckung gesetzmäßiger Zusammenhänge
auf der Grundlage empirischer Forschung erklärt. Aufgabe der "positiven"
Wissenschaft ist es, den Maßstab für die Erkenntnis zu liefern,
was gut und was richtig ist.
1.1.2. Zum Verhältnis von Wissenschaft und Praxis
Die Sozialwissenschaft tritt immer in Konkurrenz zu bereits vorhandenem
Alltagswissen und Alltagserfahrung.
- Wenn Alltagswissen und wissenschaftliche Erkenntnis übereinstimmen,
werden die Ergebnisse nur begrüßt, wenn bereits getroffene Entscheidungen
auf diese Weise zusätzlich legitimiert und abgesichert werden.
- Wenn Alltagswissen und wissenschaftliche Erkenntnis nicht überein
stimmen, haben die wissenschaftliche Ergebnisse meist nur dann eine Chance,
akzeptiert zu werden, wenn die bisherige gesellschaftliche Praxis in die
Krise geraten ist.
- Wenn Forschungsergebnisse zu einem Bereich vorgelegt werden, über
den bisher noch kein oder nur wenig Alltagswissen existiert, dann werden
die Ergebnisse nur dann akzeptiert, wenn sie nicht mit dem Alltagswissen/Erfahrungen
kollidiert.
Im Gegensatz zur Sozialwissenschaft sind in den Naturwissenschaften
die Forschungsfelder fernab von allen Naturwissenschaften und können
daher nicht in Konkurrenz zum bisher Erlebten treten.
1.1.3 Zum Verhältnis von Grundlagenforschung
und anwendungsorientierter Forschung
Grundlagenforschung:
Produktion und Vermehrung von möglichst allgemeingültigem
Wisse
Beschreibung, Diagnose und Erklärung sozialer Sachverhalte und
Zusammenhänge
- begründet die Wichtigkeit der Forschungsergebnisse mit bestehenden
Lücken im Wissensbestand
- im Vordergrund steht das absolut wissenschaftliche Handeln
- Ergebnisse werden von der Wissenschaft kritisiert
Anwendungsorientierte Forschung:
- Lieferung von Ergebnissen, die beim aktuellen Entscheidungsprozeß
verwertet werden können
- im Vordergrund steht Anwendbarkeit auf aktuellen Fall oder auf eine
Klasse gleichartiger Fälle
- Fragestellungen leiten sich aus den Erfordernissen der Praxis her
- Anwendungspraxis steht im Vordergrund
- Brauchbarkeit ist Bewertungsmaßstab, beurteilt wird von den
Praktikern
1.1.4. Zum Verhältnis von wissenschaftlicher
"Erfahrung" und Alltagserfahrung
Beide basieren auf Beobachtungen
- beide klassifizieren die beobachtenden Phänomene
- alltägliche und wissenschaftliche Erfahrung sind beide theoriegeleitet
(-> Alltagstheorien)
Empirisch-wissenschaftliche Erfahrung
selektiv, verallgemeinernd
1. will die Phänomene der realen Welt (möglichst "objektiv")
beschreiben und klassifizieren
2. will möglichst allgemeingültige Regeln finden, durch die
Ereignisse in der realen Welt erklärt und Klassen von Ereignissen
vorhergesagt werden können
Alltägliche Erfahrung:
Erfahrungen sind auf konkretes Handeln gerichtet
Wissenschaftliche Theorien
- sollen gut durchschaubar sein, präzis definierte Begriffe verwenden
und ihren Geltungsbereich genau angeben.
Durch Reduktion der Gesichtspunkte wird ein klareres Verständnis
erkauft.
1.2 Grundpositionen der Erfahrungswissenschaft
1.2.1 Annahme der Existenz einer "tatsächlichen"
Welt
Ziel der empirischen Wissenschaft sind Erkenntnisse über die Wirklichkeit"
zu gewinnen.
Voraussetzung ist die Annahme der Existenz einer "tatsächlichen"
Welt
1.2.2 Ordnung, Struktur, Gesetzmäßigkeiten
Alle Wissenschaften können nach der gleichen Entscheidungslogik,
nach dem gleichen methodischen Prinzipien vorgehen, da sie sich nur im
zu untersuchenden Gegenstand unterscheiden.
-> Postulat der Einheitswissenschaft
Analytisch-nomologische Wissenschaft
- Aussagen werden auf rein logischem Wege begründet
Deduktiv-nomologische Wissenschaft
---> unklar!!!! S. 26
1.2.3. Empirische Erfahrung als Grundlage des Wissens
Empirisches Wissen kann nur durch Auseinandersetzung mit der Realität
gefunden werden und durch Beobachtung mit der Realität abgesichert
werden.
Analytisch-nomologisch
1. Vermutungen (Hypothesen) werden aufgestellt
2. Bereich in der realen Welt, wo die Hypothesen gültig sein sollen,
wird festgelgt
3. Für den abgegrenzten Bereich werden Daten erhoben
4. Die Resultate werden in Beobachtungsaussagen beschrieben
5. Wenn Hypothese und Beobachtung miteinander in Einklang stimmen,
gilt die Hypothese empirisch als bewährt.
Um ein unverzerrtes Abbild der Realität zu erhalten, müssen
- Entscheidungen sachlich-methodisch begründet werden
- alle Entscheidungen und Begründungen dokumentiert werden
- Subjektive Werte, Urteile und Vorlieben der betroffenen Forscher
dürfen keine Rolle spielen
Das nennt man:
Prinzip der Wertneutralität
Prinzip der Standardisierung der Meßsituation:
Die Bedingungen der Datenerhebung unterscheiden sich nicht von einem
Fall zum anderen.
Prinzip der intersubjektiven Nachprüfbarkeit:
Forschungen müssen nachvollzogen, beurteilt, kritisiert und ggf.
wiederholt werden
Auch die analytisch-nomologischen Wissenschaftler beachten die experimentellen
Randbedingungen. Durch die Kontrolle der relevanten Situationsbedingungen
(z.B. gezielte Auswahl miteinander vergleichbarer Handlungssituationen)
oder durch die systematische Erhebung möglichst aller relevanten Situationsbedingungen
werden die Randbedingungen in die Forschung mit einbezogen.
Interpretative Sozialwissenschaft:
Nicht allgemeingültige soziale Gesetzmäßigkeiten sind
für das Auswirken der sozialen Umwelt auf das Handeln von Personen
verantwortlich, sondern die Umweltgegebenheiten werden erst durch die interpretierenden
Bedeutungszuschreibungen der Beteiligten wirksam (hä?) S.29 Mitte
- Der Forscher versucht, möglichst authentische Erfahrungen im
Untersuchungsgebiet zu machen.
(Prinzip der Offenheit sollte die Untersuchung leiten: Vorahnungen
und Vorkenntnisse sollen unwesentlich sein)
- Hypothesen sind nicht Ausgang, sondern allenfalls Ergebnis der Untersuchungen
- Subjektive Deutungen der Sachverhalten durch die Akteure müssen
auch mitgemessen werden.
- Einzeldaten werden vergleichbar, indem möglichst alle bedeutsamen
Randbedingungen und Interpretationen miterhoben werden.
Dieses Verfahren, das große Offenheit verlangt, bezeichnet man
als
qualitative Sozialforschung.
Quantitative Sozialforschung:
- Vorstrukturierung des Untersuchungsergebnisses durch Hypothesen
- Standardisierung der Erhebungssituation zur Sicherung der Intersubjektivität
der Daten
1.2.4. Wissenschaftstheoretische Orientierung des
Lehrbuchs
Hauptvertreter in Deutschland: Karl Popper und H. Albert
1.3. Empirische Sozialforschung als "kritisch-rationale"
Wissenschaft
1.3.1 Begriffsklärung
Im Kromrey wird der "Kritische Rationalismus" nach Popper und Albert behandelt.
1.3.2 Einige Prinzipien der empirischen Forschungsmethode
in der Version des "Kritischen Rationalismus"
Wichtigstes Prinzip ist:
Alle Aussagen einer empirischen Wissenschaft müssen prinzipiell
an der Erfahrung scheitern können (d.h. widerlegbar sein)
Daraus folgt:
- Nur empirisch erfahrbare Begriffe dürfen benutzt werden (z.B.
nicht Fee, Zentaur)
- Die getroffenen Aussagen müssen prinzipiell erfahrbar sein
(z.B. nicht "Leben nach dem Tod")
- Die Aussagen müssen prinzipiell widerlegbar sein.
Wie kommt man nun an diese "wahren" Aussagen?
Nach einer frühen Theorie von Karl Popper so:
- Theorie aufstellen
- Theorie an der Realität überprüfen
- Wenn falsch modifizieren und erneut überprüfen, bis sie
richtig ist
- Wenn die Theorie richtig ist, unter verschärften Bedingungen
wieder überprüfen.
- Hat sich die Theorie als richtig erwiesen, gilt sie als "bewährte
Aussage"
- Dann darf sie verallgemeinert werden, muß aber
- sofort wieder überprüft, verschärft und modifiziert
werden.
Das "Wahrheitskriterium" ist nur die Konfrontation mit der erfahrbaren
Realität.
Es ergeben sich zwei Probleme:
a) Es gibt in den Sozialwissenschaften keine Theorien, die nicht in
einem einzigen Fall widerlegbar sind. Diesen Anspruch erfüllen nur
nomologische Theorien, also Gesetzesaussagen mit weder räumlich noch
zeitlich eingeschränktem Geltungsanspruch.
Lösung:
a) die Hypothese wird durch Randbedingungen eingeschränkt (z.B.
die Theorie gilt nur für entwickelte Industriegesllschaft kapitalisitischer
Prägung.
b) Statistische Wahrscheinlichkeiten werden in die Theorie eingearbeitet:
z.B. Im Durchschnitt sind ältere Personen weniger mobil als junge
Personen.
b) Basissatzproblem: Die Zurückweisung einer Hypothese geschieht
auf der Grundlage von Protokollaussagen. Ich kann niemals die Hypothese
selbst mit der Realität konfrontieren. Das Problem besteht darin,
daß die Protokollaussage selbst falsch sein könnte.
Lösung:
Es besteht folgendes Dilemma: Die Protokollaussage, die ein Forscher
macht, muß ja nun auch nicht unbestimmt stimmen, d.h. sie kann nicht
unbedingt verifiziert werden. Daher besteht eigentlich kein Grund, die
dazugehörige Hypothese nur auf Grund dieser Protokollaussage für
falsch zu erklären.
Oder einfacher:
- Protokollaussage A widerspricht der Hypothese.
- Also müßte nach dem Basissatz und nach dem o.a. Prinzip
die Hypothese für falsch erklärt werden.
- Was aber, wenn die Protokollaussage A falsch ist, und die Hypothese
aufgrund einer falschen Protokollaussage verworfen wird???
Lösung des Dilemmas:
Durch Konvention der Wissenschaftler untereinander wird ein Protokollsatz
so lange als richtig anerkannt, bis
a) er durch andere Untersuchungen widerlegt wird
b) ein methodischer Fehler nachzuweisen ist
Empirische Theorie
Ziel: systematische Erfassung von Zusammenhängen
Theorie: System logisch widerspruchsfreier Aussagen (Sätze, Hypothesen)
über den jeweiligen Untersuchungsgegenstand mit den zugehörigen
Definitionen der verwendeten Begriffe
System von Hypothesen
Hypothese: Vermutung über einen Zusammenhang zwischen mindestens
zwei Sachverhalten
1.3.3 Zum Verhältnis von empirischer Theorie
und Realität
Um eine Hypothese zu erarbeiten, die einen Bezug zur Realität hat,
muß man eine selektive Auswahl treffen, welche Merkmale untersucht
werden sollen, da keine Beschreibung die Realität in ihrer ganzen
Komplexheit abbilden kann.
Man benötigt ein deskriptives Schema, d.h. eine Begriffsordenung,
die zu den Phänomenen und den Aspekten hinführt, die untersucht
werden sollen.
Theorien:
a) liefert die grundlegende Orientierung
- definiert den Objektbereich
- definiert, welche Aspekte der Realität untersucht werden sollen
b) stellt das begriffliche Bezugssystem zur Verfügung
- die Aspekte (Dimensionen) des Objektsbereiches können systematisch
dargestellt und klassifiziert und in Beziehung gebracht werden
c) empirisch ermittelte Fakten werden in Theorien generalisiert oder
systematisiert
- Ad-Hoc Theorien
- Theorien mittlerer Reichweite
- Theorien höherer Komplexität
- Theorien hoher Komplexität (allgemeine Reichweite)
d) Theorien dienen der Vorhersage zukünftiger Ereignisse
e) Theorien geben Hinweise auf vorhandene Wissenslücken
1.4 Empirische Verfahren und alternative Wissenspositionen
Auch in anderen wissenschaftlichen Vorgehensweisen ist das empirische Vorgehen
nicht bedeutungslos, auch die Regeln des empirischen Vorgehens werden beachtet.
Am Beispiel der marxistischen Methodenlehre zeigt Kromrey, daß das
Methodenverständnis nicht unterschiedlich sein muß, sondern
oft ein unterschiedliches Erkenntnisinteresse vorliegt.
1.4.2. Einige Unterschiede erkenntnistheoretischer
Schulen
Kromrey listet verschiedene Richtungen auf und vergleicht detaillierter
den Kritischen Rationalismus und die Frankfurter Schule. Näheres siehe
S.49ff (irrelevant für Klausur?)